Gudrun Kemper, Ulla Ohlms: Jede Neunte

Gudrun Kemper, Ulla Ohlms: Jede Neunte, Orlanda 2003

28 Frauen berichten facettenreich über ihre Erfahrungen mit ihrer Brustkrebsdiagnose, in Emails, Gedichten, Berichten, Tagebucheinträgen.

„Ich suche meine Einsamkeit

und sehne mich doch nach dir

und du kommst

Ich möchte sagen

 Ich liebe Dich

mein Leben“

Und unter anderem mit meinem Artikel über Brustprothesen  (1999)

„Viel haben Sie ja nicht verloren!“

Ich habe nie darüber nachgedacht, ob ich meine Brüste liebe – bis ich mich von einer trennen musste. Maxie Wander schrieb, sie habe diejenige Brust verloren, die sie lieber mochte. Hatte ich eine lieber als die andere, hatte ich sie überhaupt lieb? Das habe ich mich nie gefragt, bis ich eine hergeben musste. Hergeben? Wem geben? Dem Krebsgott opfern? Dem Pathologen, der sie scheibchenweise konserviert.

Ich lasse mich nicht in unserem Wohnort Berlin operieren, sondern in meiner Heimatstadt bei Stuttgart, mein Vater macht meine Narkose und die Familie ist in der Nähe.

An dem Wochenende, das uns vor der Amputation bleibt, verabschieden mein Partner und ich uns zärtlich von ihr: Wir fotografieren, duschen, liebkosen sie und machen einen Gipsabdruck von ihr. An diesem Wochenende gehen wir eher zufällig in ein Sanitätshaus, nur um mal zu schauen, wie Prothesen überhaupt aussehen. Wir denken an Hautfarben und Omas. Ich erkläre der Verkäuferin, dass ich übermorgen meine Brust verliere und wissen will, wie die Ersatzbrüste aussehen. Die schwäbische Dame lächelt uns vertrauenserweckend an und winkt uns diskret in eine Separée im Keller.

An der Wand empfehlen Zertifikate der Marktführer für Prothesen und BHs, Amoena und Anita, die Verkaufstalente der Verkäuferin. Die Schwäbin holt gut gelaunt Prothese um Prothese aus dem prall gefüllten Regal, zeigt BH um BH. Die Prothesen lagern in gelbblauen Kosmetikkoffern. Ich komme mir ein bisschen vor wie auf einer Tupperparty. „Der ganz weiche BH ist direkt nach der Operation angenehm, wenn alles noch empfindlich ist, da bekommen Sie auch eine Prothese aus Watte, alles gaaanz weich.“ Wieso ganz weich, wie fühlt sich wohl meine Brust ohne meine Brust an? „Und nach ein paar Wochen können Sie dann eine richtige Silikonprothese nehmen und einen BH nach Ihrem Geschmack. Die Kasse zahlt die Prothesen und einen Zuschuss zu BH und Badeanzügen, jedes Jahr einen neuen. Und die Erstausstattung natürlich auch!“ Wie bei einem Säugling eine Erstausstattung? BH nach meinem Geschmack?

Die Verkaufsdame zeigt begeistert verschiedene BH-Modelle: aus Baumwolle, Spitze, hautfarben, hellblau, weiß, hässliche, schöne, biedere, witzige – für beinahe jeden Geschmack etwas. Ich bin froh, nicht vor 25 Jahren an Brustkrebs erkrankt zu sein. Die BHs haben entweder links, rechts oder beidseitig eine Innentasche für die Prothese, damit die nicht bei Bewegungen verrutscht. Klug, denke ich. Die Prothesen fühlen sich weich und glatt an, es gibt sie in allen Größen: in Dreiecksform, mit Flügeln links oder rechts, innen mit Baumwolle beschichtet oder nicht, mit aufwändigem Hohlkammersystem, hellhäutig, dunkelhäutig. Es gibt sogar Badeprothesen, die sind leichter, damit sie sich beim Auftauchen aus dem Wasser verhält wie ihr lebendiges Gegenüber. „Wenn Ihnen mal in der Menge einer dran kommt, da merkt keiner den Unterschied.“ Ich denke schon, dass mindestens ich den Unterschied merke. Aber ich bin verwundert, wie weich die sind, ich habe mir das alles viel unangenehmer vorgestellt: hart wie die Brüste von Schaufensterpuppen. Die Schwäbin taut immer mehr auf und ist gar nicht mehr zu bremsen – wirklich ein Verkaufsgenie. Sie strahlt und zeigt den neuesten Schrei: selbsthaftende Silikonprothesen! „Die kleben direkt auf der Haut, da können Sie jeden BH tragen!“ Und um zu demonstrieren, wie toll die sind, reißt sie ihren Sanitätshauskittel auf, klebt sich die Prothese direkt auf ihren Bauch und hüpft auf und ab, um zu zeigen, wie fest sie haftet. Wir staunen nicht schlecht, mehr über die Verkäuferin, als über die Haftprothese und verlassen kichernd mit vielen Prospekten das Sanitätshaus. Beim beim Eisessen lesen wir, dass es eine Chefdesignerin für Brustprothesen gibt, die jetzt in den Ruhestand geht, dass es auch halbe Prothesen gibt nach brusterhaltenden Operationen, bei denen oft ein großer Teil der Brust wegoperiert wird und dass hauptsächlich zwei Firmen Prothesen herstellen.

Zunächst vergesse ich nach der Amputation die Prothese ganz, denn ich kann mir nicht vorstellen, „ganz weich“ auf dem OP-Gebiet zu tragen. Ich habe einen Verband und fertig. Aber für mein erstes Besuchswochenende zu Hause machen mir Schwester Carola und Schwester Imke liebevoll eine Wollprothese – sogar mit Brustwarze. Ich trage die Wollprothese so gerne, dass sie bald eine Nachfolgerin braucht.

Ich denke viel über Audre Lorde nach: über ihre Wut auf die Prothesen, die den Brustkrebs für die Anderen unsichtbar machen. Sie ärgert sich über die Dame von „Reach for Recovery – Griff nach der Genesung“, die ihr noch am Krankenbett eine weiße Wollprothese aufschwatzen will, damit sie sich besser fühle – in Wahrheit fühlen sich die anderen natürlich besser, weil sie dann nicht mit Krebs konfrontiert werden. Audre Lorde entwickelt Mode für Einbrüstige, möchte die Einbrüstigen erkennen. Ich weiß noch nicht, was ich tun werde: mit Prothese, ohne, mal so, mal so – ich weiß es nicht. Vielleicht will ich nicht, dass mich alle als Amazone erkennen, ich bin nicht immer stark und kämpferisch. Ich will nicht angegafft werden, will selbst bestimmen, mit wem ich über meinen Krebs reden will. Natürlich habe ich auch manchmal Lust, meine Umwelt zu schockieren. Aber eben nicht immer. Und ich war schon immer eine BH-Liebhaberin. Ich habe sogar BHs aus Portugal und noch aus der Sowjetunion: der hellblaue spitzige ist aus Lissabon, das geblümte Leibchen aus Moskau.

Zurück in Berlin, machen mein Partner und ich uns auf in ein gut sortiertes Sanitätshaus in der Nähe. Gestärkt von den Stuttgarter Erfahrungen gehen wir gut gelaunt auf eine junge Auszubildende mit Dreadlocks zu. Ich sage ihr ganz unverkrampft, dass ich eine Brustprothese brauche. Das Mädchen lächelt tapfer und bittet mich, mit ihr in die Umkleidekabine zu gehen, sie möchte sich die Brust mal anschauen. Ich wundere mich, denn eigentlich wollte ich ja Prothesen und vor allem die dazu passenden BHs sehen. Naja, denke ich, sie wird schon ihre Gründe haben und folge ihr in die Kabine. Ich mache mich auf ihre Bitte hin obenrum frei. Meine Operation ist erst kurz vorüber, die Narbe noch nicht verheilt und mir fehlt eine Brust. Die Auszubildende hat wohl so etwas noch nie gesehen, sie wird abwechselnd bleich und grün und stürzt sofort aus der Kabine. Mein Partner steht draußen und wundert sich, als sie an ihm vorbei nach hinten verschwindet.

Im nächsten Sanitätshaus steht eine alte Matrone hinter der Theke, neben ihr ein Kollege mit Beinprothese. Ich bin ganz beruhigt, die beiden sehen nicht so aus, als könnte sie so rasch etwas umhauen. Ich sage ihnen mit einem gewinnenden Lächeln, dass ich mich für Brustprothesen interessiere. Die Matrone schnauzt mich an: „Wie interessieren, brauchen Sie nun eine oder nicht?“

Dritter Versuch, ich leiere wieder meinen Spruch runter von wegen Interesse und Prothesen. Die Verkäuferin mustert mich von oben bis unten und sagt: „Ich will Ihnen ja nicht zu nahe treten, aber viel haben Sie ja nicht verloren.“ Langsam wird die Sache zum Sport: Wir machen uns getrennt auf die Suche – auch in entlegeneren Bezirken. Mein Partner versucht sein Glück in einem neuen Sanitätshaus. Die Verkäuferin ist so mitfühlend, als er sich nach Brust-Prothesen für seine Lebensgefährtin erkundigt, dass sie beinahe in Tränen ausbricht, weil wir doch so jung sind und das ist ja alles so furchtbar. Über ihre Trauer vergisst sie ganz die Kundenberatung. Das kann doch nicht wahr sein! Langsam verlieren wir die Lust auf eine Prothese, ich spiele sogar mit dem Gedanken, nach Stuttgart zur dreibrüstigen Schwäbin zurückzufahren.

Der rettende Tipp kommt aus einer Selbsthilfegruppe, die ich um Rat frage. Ja, klar können sie mir ein Sanitätshaus empfehlen. Das ist zwar am anderen Ende der Stadt, aber einen Versuch ist es wert. Hier arbeiten wirkliche Profis: freundlich, kompetent und erfahren im Prothesen verkaufen. Sie erklären mir auch, wie ich in meine alten BHs Trikottäschchen einnähe und sie so weiter verwenden kann. Ganz schön praktisch, ich habe mir nämlich extra vor der Operation noch einen neuen BH gekauft – wäre ja schade drum, schließlich bin ich ja Schwäbin. Und ich erfahre, dass ich nicht nur jedes Jahr eine neue Prothese bekomme, sondern auch, wenn meine Brust größer oder kleiner wird, weil ich zu- oder abnehme. Es gibt sogar einen Nippel für die Prothese, die haben wirklich an alles gedacht. Regelmäßig waschen soll ich sie, so wie mich. Wie: mit meiner Seife??? Ich habe früher nie bemerkt, dass meine Brust zyklusbedingt größer oder kleiner wird, meine Prothese bleibt aber immer gleich groß – sieht lustig aus. Ob das außer mir jemand sieht?

Jetzt trage ich doch meistens eine Prothese, habe vier echte Prothesen-BHs und den neutralsten Badeanzug, den ich bekommen konnte – die sind leider doch erschreckend blumig oder kariert, obwohl Amoena lateinisch ist und „anmutig“ heißt. Manchmal juckt mich meine Brust und ich merke, wie ich meine Prothese kratze – sind das Phantomempfindungen? Dann werde ich ganz wehmütig und streichle zärtlich meine Prothese. Manchmal schwitze ich auch unter der Prothese und ich ertappe mich, wie ich tief in mein Dekolletee greife, um mich direkt auf der Haut zu kratzen. Ob das jemand wundert?

Guten Freunden zeige ich meine Prothese, die meisten kichern und schauen leicht angewidert auf den hautfarbenen Pudding, den ich zwischen uns auf den Tisch lege. Irgendwie scheinen die sich was anderes unter einer Ersatzbrust vorgestellt zu haben. Sollte sie sinnlicher aussehen? Mit Nippel, duftend? Oder bunt wie Kinderzahnspangen statt hautfarben? Eigentlich finde ich sie schön weich und freundlich, sie lädt fast dazu ein, sie durch die Lüfte zu werfen wie ein Frisbee. Man kann sie auch streicheln wie eine Puppe, wenn ich sie trage und sie gestreichelt wird, spüre ich das.

Manchmal phantasiere ich, dass ich die Prothese aus ihrer Halterung nehme und sie den jungen Hühnern in meinem Fitness-Studio um die Ohren haue, wenn die sich über ihre perfekten Körper unterhalten. Oder einem jugendlichen Gaffer, der mir auf die Brüste starrt. Ich werde oft gefragt, ob ich einen „Aufbau“ plane. Ich weiß nicht, bis jetzt interessiert es mich nicht, meine alte liebe Brust bekomme ich ja sowieso nicht zurück. Letztes Jahr bin ich bei einem Besuch in Stuttgart im Sanitätshaus vorbeigegangen und habe der Verkäuferin gedankt, weil sie mir mit ihrer Unverkrampftheit viel Zuversicht gegeben hat. Ohne ihre Vorführung mit der Haftprothese hätte ich weder die Auszubildende noch die Matrone ertragen.

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Ein Gedanke zu „Gudrun Kemper, Ulla Ohlms: Jede Neunte

  1. Sabine Beitragsautor

    Bewegender Artikel der zeigt, wie schwer es vielen (Berlinern) fällt, mit Krankheit umzugehen. Danke für den Bericht!

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