Interview mit Gedächtnistrainerin Kathrin Sondermann

„Spielerische Leistungssteigerung fürs Gehirn“

Wie viele Quadrate seht ihr in dieser Abbildung? (Hinweis: Es sind mehr als 40 und weniger als 60.)

Chemobrain, kognitive Beeinträchtigungen, eingeschränke Konzentrations- und Merkfähigkeit – wer von den Betroffenen einer Krebserkrankung kennt diese Probleme nicht? Sie gehören leider für viele zum Alltag – auch Jahre nach dem Überleben – und zählen als Spätfolgen zum Gesamtbild der Fatigue nach Krebs. Frau Kathrin Sondermann, Gedächtnistrainerin aus Berlin, war zu Gast bei uns und stand uns freundlicherweise zum Thema für ein Interview zu Verfügung.

 

Zurück ins Leben nach Krebs („ZiLnK“): Was ist ganzheitliches Gedächtnistraining?
Frau Sondermann: Ganzheitliches Gedächtnistraining steigert (möglichst) stressfrei und in spielerischer Form die Leistung des Gehirns, indem es alle Sinne und beide Gehirnhälften mit einbezieht. Hierbei geht man auf das „natürliche Lernen“ zurück, wie dieses auch z.B. als Kind erfolgt. Im ganzheitlichen Gedächtnistraining gibt es 13 Trainingsbereiche, welche u.a. von Konzentration, Wahrnehmung, logischem Denken, Merkfähigkeit bis hin zu Phantasie und Bewegung reichen. Hierzu fließen immer wieder neue Erkenntnisse aus der Forschung und Wissenschaft ein.

ZiLnK: Wie funktioniert das ganzheitliche Gedächtnistraining?
Frau Sondermann: Schon im Alter von 25 Jahren ist unsere Denkstruktur oft extrem eingefahren. Äußerungen wie z.B. „Mit Zahlen kann ich nix anfangen!“ oder „Ich kann mir nie merken, wo mein Schlüssel liegt.“, kennt jeder. Hinzu kommt, je älter man wird, desto weniger bewegt man sich, und man glaubt, da man viel beruflich und im Alltag zu tun hat, das Gehirn sei voll ausgelastet und vital. Das ist es nicht wirklich. Es ist vielmehr in bestimmten Dingen routiniert und in anderen liegt es brach. Man erfasst z.B. neue Informationen nur auf bereits bekannten Wegen, man erledigt Dinge nur auf bestimmte, bekannte Arten. Hier liegt das Problem, man lernt nicht wirklich neu!

Hier setzt das ganzheitliche Gedächtnistraining an, das Gehirn wird auf Bahnen gelenkt, die die Person schon ad acta gelegt hat. Schreiben Sie mit der falschen Hand, schreiben Sie rückwärts. Plötzlich erwacht das Gehirn und sagt „Ach, so geht das! Ich kann es ja doch! Das merke ich mir!“ Es gibt für jeden Trainingsbereich eine unzählige Anzahl an speziellen Übungen. Brachliegende Gehirnareale werden angeregt, neue Informationswege und Nervenleitungen verknüpft, Gehirnzellen aktiviert, Sauerstoff ins Gehirn transportiert, die Durchblutung gefördert und damit die Lernfähigkeit und das allgemeine körperliche und geistige Wohlbefinden gesteigert.

ZiLnK: Wie trainiert man das Kurz- und Langzeitgedächtnis?
Frau Sondermann: Das Gedächtnis ist mehr als nur eine einfache Festplatte. Ein Gedicht z.B. ist kein Textfile, welches aus Register 255 wieder abgerufen wird. Jedes Wort ist mit Eindrücken aller Sinne und Gefühle belegt. Ganze Sätze und Kombinationen wiederum mit weiteren, und das Gedicht selbst ist mit Erinnerungen an Situationen verbunden. Hört man das Gedicht später, kann man evtl. fehlende Strophen ersetzen, oder man erzählt, wie schwer es war, als man es erlernt hat, und denkt mit hochrotem Gesicht an die Person, der man es zum ersten Mal vortrug. All das zusammen lernt und speichert das Gehirn.

Aus dem Grund basieren die Trainingseinheiten nicht auf bloßem Bearbeiten von Arbeitsblättern, sondern es gehört genauso das Arbeiten mit allen Sinnesorganen und die körperliche Bewegung dazu.

Sie müssen dafür Sorge tragen, dass das Gehirn Verknüpfungen herstellt und erweitert. Ebenso sollte eine gewisse Abwechselung nicht fehlen. Unser Gehirn braucht Neues, Ungewöhnliches, Merkwürdiges (= des Merkens Würdiges). Nicht zu vergessen ist allerdings die Motivation. Ohne sie funktioniert weder das Lernen an sich, das Benutzen des Kurzzeitgedächtnisses, unserem Arbeitsspeicher, noch das Erinnern, der Abruf aus dem Langzeitgedächtnis.

ZiLnK: Was kann es Betroffenen bringen? Was sind ihre Erfahrungen?
Frau Sondermann: Nun, in erster Linie erhöht das ganzheitliche Gedächtnistraining die geistige Mobilität und Effizienz und steigert das Wohlbefinden und die Lebensfreude. Bei Gruppentrainings fördert es zudem die Sprachfähigkeit und die sozialen Kompetenzen.

Aber so unterschiedlich die Menschen sind, so individuell fällt auch der Nutzen des Gehirntrainings aus. Liegt z.B. eine akute Erkrankung vor, oder ist eine Person durch einen Schlaganfall o.ä. stark im Kurzzeitgedächtnis eingeschränkt, freut man sich darüber, wenn diese Personen sich nach einem halben Jahr Training eine kleine Zahlenreihe merken können. Trainiert ein weniger gehandicapter Mensch, fallen die Erfolge ganz anders aus.

Wenn Sie sehen würden, wie fit eine Reihe meiner älteren Kursteilnehmerinnen ihr Tagwerk vollbringen, dann kann ich nur sagen, so möchte ich selbst auch noch im höheren Alter leben.

ZiLnK: Wenn ich mir wirklich etwas merken will (z.B. Vokabeln), wie mache ich das?
Frau Sondermann: Hierauf gibt es keine pauschale Antwort. Es kommt maßgeblich darauf an, was für ein Lerntyp Sie sind, und auf welchen Gebieten Ihre persönlichen Stärken liegen. Leichter lernt es sich immer in den Lieblingsbereichen. Jemand der Geschichten mag, wird seine Vokabeln in eine Art Kurzgeschichte verpacken, jemand der mathematisch veranlagt ist, kann Buchstaben in Zahlen umwandeln, eine Person die haptisch veranlagt ist, wird beim Lernen eher einen bestimmten Gegenstand in der Hand halten müssen, ein motorisch veranlagter Mensch wandert z.B. beim Lernen um den Tisch herum, usw. Meistens sind wir Menschen aber eher Mischtypen.

ZiLnK: Wie nachhaltig ist das Ganze?
Frau Sondermann: Wenn Sie meinen, wenn man sich einen Monat mit ganzheitlichem Gedächtnistraining beschäftigt hat, könne man davon jahrelang zehren, so ist das nicht ganz richtig. Natürlich bleiben bestimmte Mechanismen, die man trainiert hat, auch länger hängen, und sobald man Aufgaben in der Art gestellt bekommt, wird man wissen, wie man sie löst. Aber ebenso wie in allen Fitnessbereichen muss man länger oder gar ständig dranbleiben, um das Erreichte zu erhalten und sich weiter zu entwickeln. Man lernt ein Leben lang!

Das Gehirn altert, wie der gesamte menschliche Körper, aber jeder Mensch hat die Möglichkeit, etwas dagegen zu tun und seine Lebensqualität zu verbessern!

ZiLnK: Ein schönes Schlusswort. Vielen Dank für das Gespräch!

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