Krebs als Schangse (frei nach Robert Gernhardt)

Ein Erfahrungsbericht

Antranias / Pixabay

Ich habe große Probleme mit diesem „Krebs als Chance“-Begriff. Klar sind daraus auch positive Veränderungen entstanden, aber der Preis ist mir zu hoch. Im Grunde ist Krebs nur Scheiße. Auch die Theorien über Selbstheilung ärgern mich maßlos. Wenn es heißt, Selbstheilung sei möglich, steht doch auf der anderen Seite der Medaille die Schuld. 

Das hieße: Ich habe die Krankheit selbst verschuldet, falsch gelebt, schlecht gegessen, zu viel Stress gehabt. Krebs ist für solche Thesen sehr empfänglich, weil er multikausal und schlecht erforscht ist. Und tatsächlich haben alle Krebskranken, die ich kenne, diese Schuldgefühle. Es ist doch aber total zynisch. Schließlich gibt es so viele Ursachen für Krebs. Und ich weiß nicht, wo ich ihn her habe. Es gab in meiner Familie keinen Fall von Krebs. Eine Zeit lang dachte ich, es würde mir helfen zu wissen, wo ich meinen Krebs her habe. Aber jetzt ist er da. Es kann nur einer von uns leben, und das will ich sein.

Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, ob ich meine Brüste liebe – bis ich mich von einer trennen musste. Mit 35 erhielt ich die Diagnose. Bei mir war es eine längere Vorgeschichte. 1994 bekam ich eine blutige Sekretion aus der rechten Brustwarze, die regelmäßig untersucht wurde. Mein Arzt hatte nicht erwartet, dass es Krebs würde. Zusätzlich entdeckte ich dann aber einen Knoten. Eine Woche später gab es den Probeschnitt, bei dem der ganze Milchgang entfernt wurde. Der ganze Kanal war befallen, und so war klar, dass die Brust weg muss.

Ich bin zur Operation in ein anthroposophisches Krankenhaus in der Nähe von Stuttgart gegangen. Von der Diagnose bis zur Operation hat man mir dort Zeit gegeben und war immer sehr mitfühlend. Niemand verbreitete Panik. Keiner vermittelte mir das Gefühl, jetzt sei das Ende gekommen. Die Schwestern und Ärzte waren immer für Fragen da. In dem ganzen Schlamassel, meiner Angst vor dem Sterben und vor Siechtum fand ich diese Atmosphäre äußerst angenehm.

Nachdem klar war, dass mein Körper nicht weiter von Metastasen befallen war, konnte ich mir die Zeit nehmen, mich gemeinsam mit meinem Freund von meiner Brust zu verabschieden. Wir haben sie gestreichelt, Fotos und sogar einen Gipsabdruck gemacht. Zur Erinnerung. An einem Wiederaufbau der Brust hatte ich erst mal gar kein Interesse. Außerdem hätte es noch eine weitere Operation bedeutet. Für diese Entscheidung wollte ich mir mindestens ein Jahr Zeit nehmen. Das Jahr ist längst rum. Ich habe immer noch kein Interesse an einem Surrogat. Aber ich kenne Frauen, die damit sehr glücklich sind. Die einen richtigen Aufbau gemacht haben, samt Muskelverpflanzung und Brustwarzennachbildung. Klingt aber alles nicht so, als müsste ich das haben. Allerdings möchte ich selbst entscheiden, mit wem ich über meinen Brustkrebs spreche. Daher mag ich mich in vielen Situationen nicht ohne Prothese bewegen und trage dann ein Kissen, das sich in den BH einlegen lässt.

Mein Leben hat sich durch den Krebs auf den Kopf gestellt. Alles, was vorher eine Rolle spielte, ist plötzlich in Frage gestellt. Diese Krankheit zu haben bringt einen absoluten Verlust von Naivität mit sich, von dem Glauben, man sei unverletzlich und würde ewig leben. Das ist einschneidend und macht auch die Naivität anderer unerträglicher. Wenn ich beispielsweise Freunde höre, die über Beziehungsprobleme sprechen. Da bin ich bis heute manchmal fassungslos. Ich verstehe solche Probleme nicht mehr. Es macht mich wütend, wenn Menschen ihre Gesundheit nicht würdigen. Aber dieser Wert des Lebens ist ja auch für mich erst nach der Diagnose viel wichtiger geworden. Ich verspüre auch einen Neid auf das Privileg, gesund zu sein.

Von Beginn an fühlte ich mich in einem Netzwerk aus Familie und Freunden aufgefangen. Heute bedeuten mir diese Beziehungen noch viel mehr als früher. In meiner Partnerschaft ist eine neue, eine tiefere Nähe entstanden. Wir haben es gemeinsam durchlebt und durchlitten. Aber es gab auch Risse in Freundschaften. Manche erwarteten, dass ich schnell wieder die Alte würde, egal ob beruflich oder privat. Dieser Wunsch ist verständlich, den habe ich auch an mich selbst. Aber es geht nicht.

Für mich sind der Krebs und die Angst immer präsent. Das macht einen Übergang zur Tagesordnung schwierig. Die Alte bin ich nicht mehr – und werde ich nie wieder sein.

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