Kunst als beste Medizin

(c) Caroline Kambach

„Hör auf zu denken, mach einfach!“

von Caroline Kambach

Wie kommt man von Krebs zu Kunst? Unser Mitglied Caroline berichtet aus ihrer Erfahrung … und von ihrer ersten  Ausstellung

Der heiße Sommer 2015 – und ich mitten in der Kombi-Therapie aus Chemo und Bestrahlung. In mir herrschten Müdigkeit und Chaos. Dieses Nichtstun, Nichts-tun-können – was mache ich bloß den ganzen Tag und wie bekomme ich meinen Kopf frei?

Die Antwort auf diese Frage kam mir schon, bevor ich sie mir zu Ende gestellt habe: „Kritzle einfach los!“ So ließ ich meine Gedanken durch den Stift nach außen fließen. Wilde Skizzen, immer mehr Details, und mit jedem Strich ging es mir besser. Mein in mir überlaufender Topf voller Erinnerungen, Plänen, Träumen, Angst, Hoffnung und Schmerzen bekam ein Ventil. Nun wusste ich, was mir hilft! Mich sah zu dieser Zeit fast niemand, so auch nicht meine Bilder. Es gab weder Regeln noch Bewertungen, höchstens meine eigenen. Neben vielen Zeichnungen entstand so auch eine mir sehr wertvolle Collage.

(c) Caroline Kambach

Künstlerin in Selbsttherapie

Kreativ war ich schon immer, am Gymnasium im Leistungskurs Kunst, während der Ausbildung als Steinmetzin, bei Konzepten im Studium. Jetzt, fast drei Jahre nach der Diagnose Hirntumor, Glioblastom WHO IV, bin ich Künstlerin in Selbsttherapie. Meine Kunstrichtung ist Imperfektionismus; meine Inspiration Resteverwertung.

Angefangen mit seelischen Resten kamen aussortierte Zeitungen, kaputte Handtaschen, Puzzleteile und Baureste aus der Produktion von Regalsystemen („Wood’s up“) dazu.

Ein Satz von einem erfahrenen Künstler blieb bei mir hängen: „Hör auf zu denken, mach einfach!“ Dieser erzeugt immer wieder den Mut in mir, einfach das zu tun, wonach mir ist.

(c) Caroline Kambach, Herzwaage.

Genau weil jeder Mensch jedes Kunstwerk anders, aus seinem Blickwinkel, wahrnimmt, denke ich gar nicht erst daran, ob es anderen gefallen könnte oder nicht. Priorität hat meine innere Waage – wenn sie noch nicht ausgeglichen ist, mache ich weiter; bis ich meine innere Balance wieder spüre.

Sobald mein Herz leuchtet, kann mir nichts mehr passieren

Andere gehen zum Yoga (ich auch), treffen sich in Selbsthilfegruppen (ich auch), singen unter der Dusche (ich auch) oder setzten neue Samen für Frühjahrsblüten (ich vielleicht).

All das ist Selbstheilung. Sobald mein Herz leuchtet, kann mir nichts mehr passieren.

Weil mich all das wieder lebendig und den Umständen entsprechend fit gemacht hat, ist mein neues Abenteuer meine erste eigene Ausstellung.

Vom 10. bis zum 31. März 2018 wird die Tür an allen Donnerstagen bis Sonntagen von 14 bis 22 Uhr offen sein (Finowstraße 4, 10247 Berlin). Ich heiße jetzt schon jeden Besucher herzlich willkommen!

Wir wünschen dir für die Ausstellung viel Erfolg, liebe Caro!

Mehr zu Carolines Kunst auf ihrer Webseite und Facebook.

2 Gedanken zu „Kunst als beste Medizin

  1. Ronald Puhle

    Hallo,
    ich kenne die Webseite schon eine Weile, bin ein anonymer Leser 😉 Was ich in diesem Beitrag gelesen habe kommt mir irgendwie bekannt vor, deshalb möchte ich mein Feedback schreiben.

    Ende 2015 stellte ich am Hals drei eigenartige Knubbel fest, die sich wenig später als Hodgkin Lymphom entpuppten. In der Zeit bis zum Beginn der Chemo habe ich versucht soviel wie möglich zu arbeiten; im Job als auch im Hobby Fotografie. Ich habe ein kleines Atelier inkl. Dunkelkammer.

    Während der Chemo (BEACOPP esk.) wollte ich die ‚freie‘ Zeit nutzen und im Atelier arbeiten. Doch es war eher immer nur der Gang raus aus den vier Wänden und etwas Bewegung haben. Kreativ kam nichts zusammen, weder das Arbeiten in der Dunkelkammer noch Spaziergänge mit der Kamera. Ich fühlte mich einfach nur leer, frei von irgendwelchen Emotionen. Und wenn ich etwas tat, dann war es nur das stupide Abarbeiten der Dinge, die ich früher immer so gemacht habe.

    Nach der Chemo und dem negativen PET/CT wollte ich alles ‚Versäumte‘ nachholen um festzustellen, dass mein Körper aber auch der Geist noch gar nicht dazu in der Lage ist. Es blieb das Fehlen jedweder Emotionen … Freude, Trauer, Liebe, Hass.

    Imperfektion – Ist es die Erkenntnis das der sonst so perfekt sein wollende Mensch fehlerbehaftet ist? Als Körper aber auch von seinem Wesen her? Dieses Unvollkommene wurde noch mehr zum Gegenstand meiner Arbeiten. Ich habe begonnen altes Material zu nehmen und in Collagen etc. um zu interpretieren. Erst Schritt für Schritt konnte ich mich neuem Material zu wenden.

    Interessanterweise zieht mich der Jüdische Friedhof in Berlin-Weissensee in seinen Bann. Weissensee – hier habe ich meine Kindheit verbracht; den Friedhof assoziiere ich nicht mit dem Tod, vielmehr mit der Ewigkeit (siehe Bedeutung des Grabes im jüdischen Glauben). Das klingt nach großer Überlegung, vielmehr tat ich es einfach und habe erst danach nach einer Erklärung gesucht.

    Was bleibt ist das ‚innere Alleinsein‘. Zumindest aus kreativer Sicht bin ich mit mir heute im Reinen. Ich tue das, was mir Spaß macht, verletzte hunderte fotografische Regeln und entwickle meine Bilder im Grenzbereich der Technologie, abseits der Perfektion und Präzision. Und ich habe meine ‚Rentner‘, eine Gruppe fotografiebegeisterte Senioren, mit der wir auf Tour gehen und Fotografie praktisch erleben.

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  2. Caroline Kambach

    Hallo Ronald (darf ich dich duzen?)!

    Dein Beitrag zum Artikel über „Kunst als beste Medizin“ hat mich sehr berührt, vor allem deine Offenheit! Viele deiner Beschreibungen der gefühllosen Leere und Schlappheit erinnern mich an meine Zeit während der Therapie.

    Mit Imperfektionismus meine ich nichts Negatives wie „Fehlerbehaftetes“ oder alternativ Nicht-/Unperfektionismus. Für mich ist es eine eigene Charaktereigenschaft, die darstellt, weniger nach festgesetzten Normen, dafür eher nach eigenen Vorstellungen und Emotionen zu leben/handeln. Dabei entstehen eher Individualitäten/neue Stilrichtungen als „Fehler“. Ich sehe jeden Menschen als vollkommen, so wie er ist. Die Unterschiede ergeben sich aus meiner Sicht daraus, welche Teile wir aus dieser Vollkommenheit nutzen, besser gesagt ausleben.

    Mir gefällt, dass du fast schon rebellisch die Grenzen der Normen austestest und dabei vielleicht sogar merkst, dass sie entweder sinnlos/veraltet sind oder doch einen Zweck haben.

    Das „innere Alleinsein“ ist aus meiner Sicht ein weit verbreitetes Gefühl. Selbst politisch spielt „Einsamkeit“ eine immer bekanntere Rolle. Ich hoffe, dass deine „Rentnergruppe“ diese etwas stillen kann.

    Ich wünsche dir ganz besonders Gesundheit und immer weiter das Gefühl, lebendig zu sein.
    Herzliche Grüße,
    Caroline

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