Überlebenszeichen: Tätowierungen nach Krebs

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Tätowierungen liegen im Trend. In Deutschland sind rund die Hälfte aller Frauen zwischen 25 und 34 Jahren inzwischen tätowiert. Auch viele Krebsüberlebende entscheiden sich für eine Zeichnung auf der Haut – und ihre Gründe sind vielfältig.

Ein Erfahrungsbericht von Nancy, Überlebende von Gebärmutterhalskrebs

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Meine OP-Narbe ist gut 20 cm lang. Sie fängt am Bauchnabel an und führt geradeaus durch die Mitte zum Schambein, wo sie dann einen kleinen Schlenker nach rechts macht. Als ich nach der Betäubung wieder zu mir kam und die Verwüstung meines Unterleibs zum ersten Mal sah, fand ich alles, aber alles, hammermäßig genial. Ich lebte noch! Der Tumor war weg!! Sie hatten mich wie ein Spannferkel aufgeschlitzt und mit 25 Heftklammern wieder zusammengetackert!!! Wie punk war das denn? Jetzt hatte ich einen Reißverschluss am Bauch. Und wäre es nicht unglaublich witzig, so ein Reißverschluss-Schieber-Dings am oberen Ende tätowieren zu lassen? Genau das wollte ich. Zum Glück gibt es keine Tätowierstudios in der Charité. (Tätowiert wird da schon, aber mehr dazu später.)

Tage und Wochen später – als die Opiate nachgelassen hatten – fand ich die Lage nicht mehr so lustig. Die rote Linie an meinem Bauch erinnerte mich täglich an alles, was ich verloren hatte. Und sie trennte mich unverkennbar von den Jungen und Gesunden. Ich fühlte mich gezeichnet – wie eine Aussätzige. Eine sehr alte Aussätzige. Ich konnte mir nicht vorstellen, je wieder in eine Gemeinschaftsdusche zu gehen. Da würde ich die jungen Fitten anekeln und die Kinder erschrecken. Ich habe mich geschämt.

Kunstwerk statt Narbe

Irgendwann fing ich wieder an, über ein Tattoo nachzudenken. Könnte ich die Narbe übermalen, verschwinden lassen? Was sagte Google dazu? Meine Recherche fing mit der Reißverschluss-Idee an. Und siehe da, ich war bei Weitem nicht die Erste mit dem Zipper-Gedanken. Und überhaupt – das Internet war voll mit kreativen Beispielen von Vernarbungen und Verletzungen, die mit Tinte in kleine (oder große) Kunstwerke verwandelt worden sind.

Zum Beispiel lassen manche Brustkrebspatientinnen sich nach einer Mastektomie die Narbe mit rankenden Blumen verschönern – oder nach einer Rekonstruktion die ganze Brust. Dabei geht es ihnen nicht nur um die Optik. Es geht auch darum, nach Abschluss der Behandlung einen Schlussstrich zu ziehen. Endlich wieder selber entscheiden zu können, was mit dem Körper passiert und was darauf „geschrieben“ wird.

Wie ein Phoenix aus der Asche

So ähnlich ging es meiner Krebsschwester Paula, 30, die vor fünf Jahren ihre Behandlung abschloss. „Im November 2012 bekam ich die Diagnose hochmalignes B-Zell Non-Hodgkin-Lymphom und hatte zu diesem Zeitpunkt nicht mehr viel Zeit,“ erzählt sie. „Es war schon Wasser in der Lunge. Keine Zeit, um mich mit meinem Kinderwunsch zu beschäftigen, keine Zeit irgendwelche Vorkehrungen zu treffen. Es ging nur noch ums Überleben.

Wiederaufstehen! Paulas Phoenix-Tattoo

Wiederaufstehen! Paula und ihr Phoenix-Tattoo

„Nach der Behandlung habe angefangen mir einen Phoenix auf den Rücken tätowieren zu lassen. Einen riesigen. Ich sehe mich selbst als Phoenix, der aus der Asche auferstanden ist. Das Problem ist, dass ich seit meiner Erkrankung Schmerzen nicht mehr so gut wegstecke. Außerdem war ich zwischendrin schwanger und habe einen fast zweijährigen gesunden Jungen. Nun ist es eher noch eine Geld- und Schmerzfrage, ob es jemals fertig wird.“

 

 

Neue Nippel

Tätowierungen können aber auch eine ganz andere therapeutische Funktion haben. Meine Google-Recherche ergab, dass immer mehr Brustamputierte nach einer Rekonstruktion die Nippel nicht operativ wiederherstellen lassen, sondern sich schicke neue Brustwarzen tätowieren lassen. Nach einer langen Behandlung will man ja keinen Tag länger als nötig im Krankenhaus verbringen. Dann doch lieber ins Tätowierstudio gehen.

Aber Ärzte tätowieren manchmal auch. „Ich habe noch Bestrahlungs-Tattoos,“ erzählte mir neulich meine Kollegin Charlotte, 41. „Die Behandlung erstreckte sich bei mir über eine sehr lange Zeit. Die Ärzte mussten bei der Bestrahlung die Nieren mit Eisenplatten abdecken. Dazu haben sie die genauen Auflagestellen mit kleinen Tätowierungen gekennzeichnet.“ Mitten im Büro zupfte sie an ihrem Hemd und zeigte mir einen kleinen graublauen Punkt nördlich der rechten Niere. „Das stört mich überhaupt nicht.“

Scars are tattoos with better stories

Doch ich hatte die Wahl: Tätowieren oder nicht tätowieren? Und wenn ja, was? Sollte die Narbe ins gezeichnete Bild verschwinden oder im Mittelpunkt stehen? Zum Schluss habe ich mich doch nicht für ein ewiges Bild entscheiden können. Zum einen bin ich notorisch entscheidungsunfähig. Zum zweiten ist mein lymphatisches System nach OP und Bestrahlung schon ziemlich lädiert. Eine neue Studie zeigt, dass die Pigmente aus Tätowiermitteln sich in Lymphknoten ablagern können. Meine armen übriggebliebenen Lymphknoten haben eh schwer zu kämpfen. Ich will sie nicht weiter strapazieren.

Und überhaupt – gut fünf Jahre nach der OP habe ich nicht mehr viel an der Narbe auszusetzen. Sie ist verblasst, sie würde vermutlich keine Kinder mehr erschrecken. Es heißt, „scars are tattoos with better stories.“ Meine Narbe merke ich ehrlich gesagt kaum noch. Und wenn ich mal darüber nachdenke … ich finde sie schon ziemlich punk.

Wir danken Nancy für den Beitrag!

In diesem englischsprachigen Video erzählen Brustkrebsüberlebende von ihrer Entscheidung sich inken zu lassen.


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