Reich beschenkt und neu inspiriert auf dem 2. Tag der Berliner Krebsselbsthilfe

Christine (2. v. l) am Infostand. (c) Christina Zück: Tag der Berliner Krebsselbsthilfe 2019, aus der Serie Oncopolicy

Christine (2. v. l) am Infostand. (c) Christina Zück: Tag der Berliner Krebsselbsthilfe 2019, aus der Serie Oncopolicy

Christine berichtet vom Zusammengehörigkeitsgefühl durch den Austausch, das Tanzen und Theaterspielen mit anderen Betroffenen

Zu wissen, dass wir mit unseren Erfahrungen und Ängsten nicht alleine sind, tut gut. Krebspatient*innen und ihren Angehörigen ganz besonders. Unter dem Motto „Gemeinsam stärker“ fand am 9. März 2019 der 2. Tag der Berliner Krebsselbsthilfe in der TU Berlin statt. Leben nach Krebs! e.V. war mit einem Infostand vertreten. In diesem Beitrag berichtet unser Mitglied Christine, die zum ersten Mal dabei war, von ihren Erfahrungen.

Mein Besuch beim Tag der Berliner Krebsselbsthilfe am 9. März 2019 war ein voller Erfolg, denn ich bin mit einem Lächeln nach Hause gegangen. Ich war vor allem deswegen dort, um neue Kontakte zu knüpfen und alte Kontakte zu pflegen. Ich wollte weitere Tipps und Infos sammeln und mit Spaß an den Workshops teilnehmen. Am Ende des Tages fühlte ich mich wie in eine große Familie integriert und aufgehoben, wurde reich beschenkt und neu inspiriert.

Reger Austausch mit Expert*innen

Vormittags ging es los mit Vorträgen zu Themen wie Sport und Bewegung, Ernährung, Neues aus Behandlung und Forschung – und auch über sozial-rechtlichen Unterstützung  konnte man sich informieren. Nach jedem 10-minütigen Vortrag wurden Fragen aus dem Publikum beantwortet. Ich persönlich finde diesen Austausch danach oft anregender als den Vortrag selbst.

In seinem Vortrag „Komplementäre und integrative Therapien in der Krebsbehandlung“ erklärte Professor Harald Matthes vom Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe, dass noch viel mehr als „Schulmedizin“ und „Naturheilkunde“ zu den integrativen Therapien gehört: angefangen bei der psychoonkologischen Betreuung zählt alles dazu, was für Körper und Seele nützlich und gut ist, sei es Sport und Bewegung oder Massagen, Meditation und Achtsamkeit. Ich habe als Kernaussage des Vortrages mitgenommen: eine Krebsbehandlung sollte individuell gestaltet werden mit allen Therapien, die Körper und Seele gesunden lassen und Lebensqualität schenken. Insofern sollte auch jede*r Mediziner*in offen sein für alles, was der Patientin oder dem Patienten helfen kann. Als Patient*in ist also die Kommunikation mit dem Arzt oder der Ärztin sehr wichtig!

Virtuelles Skifahren beim Vortrag von Dr. Kleine-Tebbe. (c) Christina Zück: Tag der Berliner Krebsselbsthilfe 2019, aus der Serie Oncopolicy

Virtuelles Skifahren beim Vortrag von Dr. Kleine-Tebbe. (c) Christina Zück: Tag der Berliner Krebsselbsthilfe 2019, aus der Serie Oncopolicy

Allee der Selbsthilfegruppen: Den Blickwinkel wechseln und voneinander lernen

Eine bunte Mischung von ca. 30 Infoständen von Selbsthilfegruppen konnte man den ganzen Tag über besuchen, sich beraten lassen und in Kontakt treten. Es war toll zu sehen, wie rege diese Informationsquellen genutzt wurden. Sie waren zugeschnitten auf jede Altersgruppe und auch teilweise zu bestimmten Krebsarten (z.B. Kehlkopfkrebs). Aus meiner Erfahrung heraus ist es wirklich sinnvoll, sich einer passenden Gruppe anzuschließen. Man fühlt sich verstanden (auch ohne viele Worte), jeder kann aus seiner eigenen Erfahrung Tipps weiter geben und helfen. Man selbst bleibt auch nicht nur in seiner eigenen Krankheitssituation auf sich fixiert, sondern sieht durch den Austausch manchmal auch seine eigene Situation aus einem anderen Blickwinkel: dann ist nämlich das sprichwörtliche Wasserglas „halb voll“ und nicht immer „halb leer“!

Heike mit dem nagelneuen Flyer für unsere U30-Gruppe. (c) Christina Zück: Tag der Berliner Krebsselbsthilfe 2019, aus der Serie Oncopolicy

Heike mit dem nagelneuen Flyer unserer U30-Gruppe. (c) Christina Zück: Tag der Berliner Krebsselbsthilfe 2019, aus der Serie Oncopolicy

Witzigerweise fand ich mich plötzlich mit einer mir völlig fremden Frau in einen regen Meinungsaustausch verwickelt zum Thema „Muss/Sollte man immer alles befolgen was die Ärzt*innen für notwendig erachten? “ Interessant, auf diese Weise zu erfahren, dass ich nicht die Einzige bin mit solchen Gedanken und Fragen. Ich habe für mich persönlich folgende Antwort gefunden: die letzte Entscheidung möchte ich als selbstbestimmte Patientin treffen, denn es geht schließlich um mein Leben – und da ist es wichtig, dass ich in den Behandlungserfolg vertraue und mich wohl fühle.

Aufgrund dieses intensiven Gespräches habe ich dann meinen ersten Workshop verpasst, aber eine nette Bekanntschaft gemacht und mein schon erstaunlich großes persönliches „Netzwerk“ erweitert.

Anne Katrin und Otto am Infostand. (c) Christina Zück: Tag der Berliner Krebsselbsthilfe 2019, aus der Serie Oncopolicy

Anne Katrin und Otto am Infostand. (c) Christina Zück: Tag der Berliner Krebsselbsthilfe 2019, aus der Serie Oncopolicy

Tanz und Theater machen stark

Nachmittags fanden neben Seminaren zu speziellen Krebsarten oder Nebenwirkungen viele Mitmach-Workshops statt: Schreiben, Malen, Tanzen, Theater, Achtsamkeit … Ich war zunächst tanzen – für mich nichts Neues, da ich bereits die kostenlose Tanzgruppe für Krebsbetroffene in Berlin besuche. Es ist immer wieder faszinierend: Völlig fremde Menschen studieren eine kurze Line-Dance-Choreographie ein – und es entsteht ein tolles Zusammengehörigkeitsgefühl. Diese Choreographie soll deutschlandweit für Krebsbetroffene etabliert werden, so dass wann immer die Musik ertönt, man dazu als geschlossene Einheit tanzen kann! Ich finde, dass tanzen das Körpergefühl enorm stärkt. Damit ist auch ein intensives „Gehirntraining“ verbunden, was bei Konzentrationsschwierigkeiten hilft. Und zuletzt macht es einfach Spaß …

Im Anschluss war ich bei der Theatergruppe Die Tumoristen. In ihrem Playback-Theater werden erlebte Geschichten Einzelner (z.B. aus dem Publikum) auf der Bühne nachgespielt. Dazu muss ordentlich improvisiert werden. Zur Einstimmung haben wir an den „Aufwärm-Trainings“ der Gruppe teilgenommen, denn für Improvisation muss ja der Geist sehr beweglich sein. Danach hat jeder von uns einen Alltagssatz in vier verschiedenen Stimmungen „gespielt“. Beispiel: „Die Spülmaschine ist noch nicht ausgeräumt“ – als würde man sich darüber freuen, als würde es einem Angst machen, als würde man darüber traurig sein, als wäre man wütend darüber. Gar nicht so einfach, denn dazu muss man jede Stimmung „spüren“ und nicht nur stimmlich sondern auch körperlich ausdrücken.

Sehr beeindruckt hat mich der „Wunschbrunnen“ am Schluss. Dazu haben wir uns im Kreis aufgestellt, mit unserer linken Hand jeweils den Daumen des linken Nachbarn festgehalten in unserer Faust – so entstand ein Kreis aus Händen, der Brunnenrand. Mit der rechten Hand haben wir jeweils „Wünsche“ aus der Luft gegriffen und „in den Brunnen“ geworfen. Zunächst hatte jeder noch individuelle Wünsche, aber innerhalb weniger Sekunden waren wir uns ohne Absprache einig, dass jeder „neue“ Wunsch von allen in den Brunnen geworfen wird. So ein starkes Gefühl der Verbundenheit und Zusammengehörigkeit wie nach dieser Übung ist einfach unbeschreiblich! Die Stunde war viel zu kurz …

 

Integriert und geborgen

Ich war zum ersten Mal beim Tag der Berliner Krebsselbsthilfe und komme ganz sicher wieder – und meine Lebensqualität wäre deutlich besser, wenn es so einfach wäre, sich immer so integriert und geborgen zu fühlen wie bei dieser Veranstaltung. An dieser Stelle ein von Herzen kommendes Dankeschön an alle Organisator*innen und Helfer*innen und „Auf ein Wiedersehen“.

Ein Gedanke zu „Reich beschenkt und neu inspiriert auf dem 2. Tag der Berliner Krebsselbsthilfe

  1. Simone

    Da habe ich ja viel verpasst, Christine. Ich hätte gern mit dir getanzt oder mich mit dir über die Spülmaschine aufgeregt! 😉

    Antworten

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