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Freundschaften pflegen mit Fatigue – Herausfordernd für beide Seiten

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Neue Freundschaften zu schließen, scheint mir nahezu unmöglich, seit ich eine Fatigue nach Krebs und Long COVID habe. Zumindest, wenn ich Menschen außerhalb meiner Bubble, also zum Beispiel auf einer Party oder im VHS-Kurs kennenlerne. Spätestens, wenn ich die erste Verabredung das zweite Mal verschieben möchte, merkt mein Gegenüber, dass ich anders bin: weniger Kraft habe, mich nicht verbindlich verabreden kann. Und in neue Freundschaften investiert man eher nicht, wenn der Kennen-Lernprozess – wie alles bei Menschen mit Fatigue – länger dauert und holprig verläuft.

Die hohe Absagequote und den seltenen Kontakt halten nur Menschen aus, die mich seit der Zeit vor der Leukämie kennen oder selbst Betroffene, mit denen ich mich im Rahmen von Leben nach Krebs! angefreundet habe. Und für alle ist es nicht leicht auszuhalten, dass ich manchmal über Wochen (oder im Extremfall, als meine Mutter dement und pflegebedürftig war, Monate!) nicht ansprechbar bin: mich weder treffen noch telefonieren kann.

Während ich früher beruflich und privat oft mehr als zehn Telefonate pro Tag führte, fast jeden Abend unterwegs war, kann ich heute an manchen Tagen gar nicht oder höchstens einmal telefonieren. Ich verlasse meine Wohnung nur selten. Wenn ich einkaufen oder spazieren gehe, bewege ich mich zu Fuß in einem Radius von max. einem Kilometer. Wer mich sehen will, besucht mich zu Hause und wir liegen auf dem Sofa – für zwei bis drei Stunden, dann brauche ich wieder eine Pause.

Was für eine Herausforderung für meine Freundinnen! (Fast hätte ich geschrieben Zumutung, aber ein Coach sagte mir mal, ich dürfe anderen meine Einschränkungen „zumuten“, solle mich nicht dafür schämen. Das gelingt mir nicht immer…)

Wie kann man anderen erklären, dass weder Kopf noch Körper funktionieren, wenn alles weh tut und nur absolute Ruhe im Liegen hilft. Zum Glück hören immer mehr Menschen aus den Medien von Long Covid, ME/CFS und der Forschung von Frau Prof. Carmen Scheibenbogen, Charité. So ernte ich mehr Verständnis, wenn ich auf einer Party erkläre, dass ich gerne sitzen möchte.

Manchmal bin ich selbst überrascht, noch mit so vielen Menschen eng befreundet zu sein, die ich von „früher“ kenne, aus der Zeit vor der Leukämie. Und dass, obwohl wir uns selten sehen oder hören, auch weil einige nicht in Berlin wohnen. Uns verbinden Erinnerungen an das gemeinsam Erlebte: während des Studiums, am Arbeitsplatz, Beziehungskrisen… Und auch die Leukämie hat eine neue Nähe und Ernsthaftigkeit geschaffen.

Diese Freundschaften bedeuten mir sehr viel. Sie bezeugen mein Leben „davor“, erinnern mich daran, wer ich war und heute noch bin. Wenn ich länger allein bin, zu erschöpft zu telefonieren, verliere ich den Bezug zu mir selbst. Ich brauche die Resonanz mir wichtiger Menschen. Schon nach einem kurzen Telefonat weiß ich wieder, wer ich war und wer ich bin. Auch wenn sich vieles geändert hat.

Meine Freundinnen beschweren sich nicht, ich ahne aber, wie herausfordernd meine Fatigue auch für sie ist. Sie wünschen sich bestimmt, öfter von mir zu hören, dass ich präsenter wäre, sie auch mal besuche. Da wir uns seit 30 Jahren kennen, verbindet uns eine enge Freundschaft, mit tiefem Grundvertrauen. Sie verstehen und glauben mir, dass meine häufige Abwesenheit nicht Desinteresse, sondern meiner Erschöpfung geschuldet ist. Sie nehmen es nicht persönlich, wenn ich mich nicht melde, sondern verstehen meine Situation. Was für ein Geschenk! Denn Verständnis und Vertrauen sind die Grundlage jeder Freundschaft.

Nächstes Jahr bieten wir einen online Termin zum Austausch über das Freundschaften pflegen mit Fatigue an. Wenn Ihr unseren Newsletter abonniert habt, (hier könnt ihr euch anmelden) erfahrt ihr rechtzeitig wann wir diesen und anderen Termine veranstalten. 

Bei Fragen, Anmerkungen, dem Wunsch nach digitalem Austausch in unserer Threema Gruppe schreibt uns eine Email. 

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