Das irrste Jahr meines Lebens

Sarah (41) macht sich Gedanken über ein Jahr mit dem Krebs und schreibt ihren Freund*innen …

Liebe Freund*innen,

heute vor einem Jahr war der Tag, an dem ich das lauteste Ticken einer Wanduhr je gehört habe. In der Uniklinik unterbrach es die Worte des Assistenzarztes.

TICK. TICK. TICK.

„Frau H., Ihr Befund aus der Biopsie ist übrigens da.“

TICK. TICK.

„Er ist leider nicht gutartig, muss ich Ihnen sagen.“

TICK.

Danach hörte ich erst mal nichts mehr.

Was dann folgte, war das irrste Jahr meines Lebens. Zwei Wochen von Diagnose bis Radikal-OP. Mein Baby von jetzt auf gleich abstillen, mich mit allen Eventualitäten auseinandersetzen, aus der Narkose aufwachen mit einem Körper, in dem nichts mehr ist wie vorher. Unvorstellbare  körperliche und psychische Zustände, Ängste, Wut, Schmerzen, Schläuche, Intensivstation, Betäubungsmittelrezepte, viel Hoffen und Bangen, nie geahnte Fremdbestimmung, Sehnsucht nach meinen Kindern, Warten, Pflegedienst, Haushaltshilfe, wochenlange Präsenz meiner Eltern, 4 Monate Rollstuhl und Krücken, Kampf mit Krankenkasse, Rentenversicherung, Berufsunfähigkeitsversicherung: alles andere als Normalität.

Vor allem aber — und das ist es, was mich mit Glück erfüllt: Eure unfassbare Anteilnahme, Eure praktische und mentale Unterstützung aus Nah und Fern, Eure Blumen, Eure Briefe, Eure Gebete und die lieben Gedanken haben es mir möglich gemacht, mich in die Normalität zurück zu kämpfen. Es ist die reichste Erfahrung, die ich in meinem Leben machen durfte.

RyanMcGuire / Pixabay

Ich schaue zurück und denke: „Wahnsinn“.

Mein Partner hat irrsinnig rangeklotzt, um uns zu über die harte Zeit zu bringen. Meine Tochter (7) hat ihr erstes Schuljahr geschafft und gestern das Seepferdchen, sie ist entspannt und fröhlich. Mein Sohn (1,5) läuft, winkt und begrüßt alle mit einem freundlichen „Hallo“. Ich singe im Chor, habe unseren kleinen Garten angelegt, habe ein großartiges Selbsthilfenetzwerk, reise wieder mit dem ICE kreuz und quer durch die Republik und genieße es, durch diese schöne Stadt zu radeln.

Diese Woche hatte ich ein Treffen mit alten und neuen Arbeitskolleginnen. Es war ein wunderbares Gefühl, mit ihnen bei Aprikosentorte über die Zukunft zu sprechen. Auch wenn ich noch nicht weiß, wann ich anfangen kann zu arbeiten, auch wenn noch das zweite Kontroll-CT und danach  meine weitere OP ansteht, so bin ich doch so dankbar und froh.

Einen wunderbaren Sommer,

Eure Sarah

Vielen Dank, liebe Sarah, dass du deinen Brief mit uns geteilt hast. Es ist so eine Bereicherung für uns, dass du uns gefunden hast.

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