Geschluckt, gekämpft, geschafft. Und dann kam die Wut.

Hau das Auto!  Ein Erfahrungsbericht von Klara (40). 

Zerdeppert, verbogen, demoliert: Klara (40) hat ihre Wut an einem Schrottauto ausgelassen.

Das Leben kann einem schon ordentlich etwas abverlangen. Es kann einen auf eine Weise überfallen, mit der man nicht gerechnet hat und einem Aufgaben stellen, die man sich selbst nicht gestellt hätte. Ich hatte nicht damit gerechnet, die Diagnose Brustkrebs innerhalb von zehn Jahren zum zweiten Mal zu bekommen. Aber angesichts der Diagnose und Prognose auch nicht damit, dass ich diesen Artikel heute würde schreiben können. Ich hatte auch nicht damit gerechnet, wütend zu werden. Aber das wurde ich. Ein Schrottauto half, die Wut herauszulassen.

Irgendwie war es kaum zu fassen, als die Ärztin mir mitteilte, dass in meinem als gutartig diagnostizierten Brusttumor nun doch auch bösartige Zellen gefunden wurden. Ich war nach meinem Tastbefund ja schon auf das Schlimmste gefasst gewesen, hatte mich nach der Entwarnung aber in Sicherheit gewogen. Dass sich das Blatt nun so wendete, war schwer zu begreifen. Genauso wie nach dem ersten Mal brach eine Welt für mich zusammen. Wieso denn ich schon wieder? Es war doch neun Jahre alles gut. Und hatte ich nicht alles getan, um zu verhindern, dass es wieder passiert?! Ausgewogene Ernährung, genug Bewegung, Psychotherapie, kein Stress. Ich konnte es kaum fassen, dass mich das gleiche Schicksal jetzt noch einmal ereilte. Es war einfach nicht fair. Nach dem ersten Schock hoffte ich noch insgeheim, dass es dieses Mal vielleicht nicht ganz so schlimm sein würde und ich ohne Chemotherapie auskommen könnte. Doch im weiteren Diagnoseverlauf zeigte sich, dass es kaum schlimmer hätte kommen können: der Tumor war hochaggressiv und metastasiert in die Leber. Mein Todesurteil. Jede Hoffnung auf einen harmloseren Verlauf war dahin. Eben hatte ich noch einen neuen Arbeitsvertrag unterschrieben und mich auf einen beruflichen Neustart eingestellt, nun stand ich in dieser Arztpraxis und wusste plötzlich nicht mehr, ob ich das nächste Weihnachten oder meinen 40. Geburtstag noch erleben würde.

Emotionale Achterbahn während der Chemo, OP und Komplikationen
Die kommenden Monate waren eine emotionale Achterbahnfahrt sondergleichen. Nach der schrecklichen Diagnose und den anschließenden prall mit Arztterminen, Perückensuche, Krankenkassenbesuchen, Port-OP, Therapie-  und Komplementärtherapiewahl, Familien-, Freundes- und Kollegengesprächen gefüllten Wochen gab es den ersten Lichtblick, als der Radiologe am Ende des dritten Chemozyklus die gute Nachricht verkündete, dass die Lebermetastase fast weg war. Die Chemotherapie schlug also an, ich quälte mich nicht umsonst. Fürs tapfere Durchhalten belohnte ich mich mit dem neuen Auto, mit dem ich schon so lange geliebäugelt hatte und ging mutig den nächsten Therapieschritt an.

Nach der viermonatigen Chemo stand die große OP – Brustamputation mit sofortigem Wiederaufbau – auf dem Programm. Zunächst schien alles planmäßig zu laufen, doch in den nächsten Wochen war ich aufgrund einer hartnäckigen Wundinfektion in einem scheinbar nicht enden wollenden Teufelskreis aus Notaufnahme, OP, Erholung und Entlassung, wieder Notaufnahme, wieder OP gefangen. Unzählige Antibiotika, Quarkwickel und absolute Schonung später, schien das Schlimmste abgewendet. Doch der Schein trog und die Infektion kehrte erbarmungslos zurück.

Körperteile im Ausverkauf
Als ich zum dritten Mal innerhalb von sechs Wochen meine Tasche fürs Krankenhaus packte, wusste ich, dass meine Kraft, für ein annehmbares kosmetisches Ergebnis zu kämpfen, aufgebraucht war. Am Ende stand die komplette Amputation – Super-GAU und Erleichterung zugleich. Endlich war ich schmerzfrei, konnte mich zwar nicht anschauen, aber wenigstens bewegen und nun tatsächlich in meinem Chemo-Belohnungsauto zur Anschlussheilbehandlung fahren, wo ich wieder zu Kraft fand. Dass die Gynäkologin bei einer routinemäßigen Unterleibsuntersuchung nur einen Monat später mit Zysten und Tumoren auf den Eierstöcken aufwartete, ließ mich kopfschüttelnd und sprachlos zurück. „Sieht nicht bösartig aus, sollte aber lieber raus“, sagte sie. Hatte ich das nicht genau vor einem Jahr schon mal gehört? Funktionierte denn in meinem Körper überhaupt noch irgendetwas richtig? Wie viel musste ich noch aushalten? Ich legte mich zum sechsten Mal unters Messer und gab meine Eierstöcke auch noch ab. Körperteile im Ausverkauf. Meine Anspannung und beinahe Ungläubigkeit, als diesmal tatsächlich die gute Nachricht aus der Pathologie kam, lässt sich kaum beschreiben.

Schlucken, aushalten, bangen, sich zusammen reißen, stark sein, den Mut verlieren, wieder aufstehen, wieder schlucken, in Kauf nehmen. Es war einfach zu viel. Am Ende dieses Horrorjahres war ich gefühlstaub, geschockt, völlig verunsichert, irgendwie erleichtert, innerlich getrieben und doch unendlich erschöpft.

Nun kam alles hoch
In den nächsten Wochen blieb ich von weiteren Katastrophen verschont und die Daueranspannung ließ ein wenig nach. Eines Tages bearbeitete meine Physiotherapeutin mal wieder die mich peinigenden Stellen am Rücken. Als sie mich von einem tiefsitzenden Schmerz endlich befreite, fühlte ich mich, als wäre mit der Erlösung auch eine extreme Wut gelöst worden, regelrecht freigesetzt in meinem Körper. Ich kam nach Hause und hatte so viel Aggressionen und Wut in mir, dass ich am liebsten meine Einrichtung zerstört und nur noch um mich geschlagen hätte. Ich hatte so viel geschluckt, nun kam alles hoch. Wenn ich unterwegs war, trat ich gegen Stromkästen und Laternenmasten und schnauzte meine Umwelt an. Zu Hause schlug ich auf Kissen ein, um mich abzureagieren. Ständig stand ich unter Strom, war extrem empfindlich und rastete bei der kleinsten Kleinigkeit aus. Ich erkannte mich selbst kaum wieder. Meine Leidensfähigkeit, Vernünftigkeit und Disziplin wichen nicht der erwarteten Lebensfreude, mit der ich nun mein „restliches Leben“ genießen wollte, sondern einer Wut, mit der ich kaum umzugehen wusste. Ich, die Verständnisvolle, Vernünftige, Freundliche, die sich nicht auflehnt, nicht aus der Fassung gerät, sondern die negativen und unangenehmen Dinge aushält und irgendwie in sich auflöst. Ich war wütend.

Hau das Auto!: Vorher

Hau das Auto: ohne Rücksichtnahme draufhauen
Irgendwann suchte ich nach einer Möglichkeit, diese Wut zielgerichtet herauszulassen und fand „Hau das Auto!“: Für einen schmalen Taler bietet eine Autopresse in Berlin die Möglichkeit an, mit dem Vorschlaghammer auf Schrottautos einzuschlagen. Genau das, was ich jetzt brauchte. Ich kam mir albern vor bei dem Gedanken, machte aber dennoch einen Termin. Zusammen mit meiner Cousine fand ich mich eines warmen Frühlingstages auf dem Schrottplatz ein. Man führte uns zu einem kleinen silberfarbenen Peugeot, den wir malträtieren konnten. Ein Schrottauto, zwei Vorschlaghammer, zwei Paar Handschuhe, zwei Schutzbrillen, eine Stunde Zeit. Am Anfang war es peinlich. Ich setze die ersten Schläge sehr zögerlich und stellte schnell fest, dass es viel Kraft braucht, diesen schweren Vorschlaghammer ohne Selbstverletzung zu benutzen. Aber je besser ich reinkam, umso befreiender war das Gefühl, auf diese Karosserie einzudreschen. Hier war alles erlaubt, und wir tobten uns aus: Seitenspiegel abtreten, Antenne rausreißen und verbiegen, die Scheinwerfer zerdeppern, die Windschutzscheibe demolieren, auf der Motorhaube rumspringen und aufs Dach eindreschen, das Dachfenster einschlagen, gegen die Türgriffe rammen, bis alles so verzogen ist, dass sich die Tür nicht mehr öffnen lässt, gegen die Seiten hauen, bis das Blech reißt, gegen die Stoßstange treten, immer und immer wieder …  ich spürte plötzlich so viel Kraft in mir.

Hau das Auto!: Nachher. Das bezwungene Raubtier

Es war ein befreiendes Gefühl, mich in meiner Wut so ausleben zu dürfen – ohne Rücksichtnahme auf Befindlichkeiten, ohne Auseinandersetzung und verletzte Gefühle beim Auto. Dieses Ding hielt es aus. Zur Verschrottung verdammt, hat es sich mir zur Verfügung gestellt, ohne zu wimmern, zu zucken, zu weinen, ohne mitzufühlen, ohne erschrocken zu sein, betreten, traurig oder gemein, und ohne sich zu wehren. Sogar den Peugeot-Löwen haben wir mehrfach gespalten. Die Einzelteile habe ich als Trophäe mit nach Hause genommen. Dieses Raubtier habe ich bezwungen.

Die Wut bewusst spüren und nutzen
Seit diesem Tag ist nun ein Jahr vergangen. Natürlich sind die vielen Herausforderungen, die mich in meinem „dritten Leben“ begleiten damit nicht gemeistert. Ich bin unendlich dankbar, dass der Krebs weiter Ruhe gibt und genieße es sehr, wieder aktiver und unabhängiger sein. Zugleich fällt es mir schwer, mich körperlich und psychisch zu stabilisieren, trotz des zu erwartenden Rezidivs nach vorne zu schauen, und mir – die Ängste als treue Begleiter an meiner Seite – ein neues, situationsgerechtes Leben aufzubauen.

„Hau das Auto!“ war rückblickend betrachtet eine gute Möglichkeit, meine angestaute Wut endlich einmal heraus zu lassen. Ich war von mir selbst überrascht, was mir dabei alles durch den Kopf ging und wie lange ich Wut in meinen Leben schon unterdrückt hatte. Dazu hat wohl auch die erste Erkrankung beigetragen, die mich erschüttert und schockiert, klein und ängstlich gemacht und zutiefst verunsichert hat. Erst nach dem zweiten Mal kam die Wut. Ich bin sensibler für dieses durchaus beängstigende Gefühl in mir geworden und lasse es seither mehr zu. Es hilft mir, die Wut herauf zu beschwören, wenn ich mich ohnmächtig, hilflos, in Ängsten gefangen und ausgeliefert fühle. Es ist keineswegs nur angenehm, ihr auf den Grund zu gehen und eine Kunst, sie zu kanalisieren, wenn sie zu groß wird. Aber sie steht irgendwie auch für Lebenskraft, und sich ihr zu stellen, sehe ich als Aufgabe, die ich fest entschlossen annehme.

Vielen Dank für deinen Bericht, liebe Klara! Wer beim Lesen auch Lust bekommen hat, ein Auto zu demolieren, kann sich hier informieren.

2 Gedanken zu „Geschluckt, gekämpft, geschafft. Und dann kam die Wut.

  1. Heike

    Dieser Bericht hat mich sehr bewegt! Ich glaube, seine Wut zu befreien, ist tatsächlich sehr heilend! Ich wünsche der Autorin alles erdenklich Gute!

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  2. Ronald

    Im ersten Moment habe ich etwas die Nase gerümpft: Gewalt, das ist doch nicht zeitgemäß? OK, das ist etwas ironisch gemeint, dennoch geht es um Zerstörung und das ‚arme Auto‘ kann doch nichts dafür. Aber ich selbst schleppe mich seit nunmehr fast drei Jahren damit rum, dass mir eine innere Stimme sagt, ich solle meinen Gefühlen freien Raum geben und endlich einfach drauf los heulen. Warum auch immer, es geht nicht. Stattdessen lebe ich in meinem Tunnel und komme dort nicht heraus. Vielleicht ist ‚Gewalt‘ doch eine Lösung … 😉

    Danke für den nachdenklich stimmenden Beitrag

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