Fatigue nach Krebs – Interview mit Oliver Özöncel

Die lähmende Erschöpfung 

Die große Mehrheit der Krebspatient*innen leidet irgendwann unter einer Erschöfpung, der sogenannten Fatigue. Bei manchen ist sie nur leicht ausgeprägt und geht schnell vorüber, andere leiden jahrelang unter einer Fatigue. Wir haben Oliver Özöncel, Diplom Psychologe bei der Berliner Krebsgesellschaft, fünf Fragen zur Fatigue nach Krebs gestellt:

Foto: Konstantin Gastmann

  1. Woran können Krebsüberlebende erkennen, dass sie eine Fatigue nach Krebs haben?
  2. Welche medizinischen Ursachen vermutet die Forschung bei der Fatigue nach Krebs?
  3. Wie unterscheidet sich die Fatigue nach Krebs von einer Depression?
  4. Welche medikamentösen Therapien werden derzeit erforscht?
  5. Welche Angebote hat die Berliner Krebsgesellschaft für Fatigue Patient*innen entwickelt?

  1. Woran können Krebsüberlebende erkennen, dass sie eine Fatigue nach Krebs haben?

Wir orientieren uns heute noch an den Kriterien, die amerikanische Forscher um David Cella 1995 entwickelt haben:

  • Müdigkeit, fehlende Energie und/oder ein unverhältnismäßig gesteigertes Ruhebedürfnis
  • Gefühl einer allgemeinen Schwäche oder Gliederschwere
  • Konzentrationsstörungen
  • Mangel an Motivation, den normalen Alltagsaktivitäten nachzukommen
  • Schlaflosigkeit oder übermäßiges Schlafbedürfnis
  • Erleben des Schlafes als wenig oder gar nicht erholsam
  • Gefühl, sich zu jeder Aktivität zwingen zu müssen
  • Ausgeprägte emotionale Reaktionen auf die Erschöpfung (zum Beispiel Niedergeschlagenheit, Reizbarkeit, Frustration)
  • Schwierigkeiten, den Alltag zu bewältigen
  • Störungen der Merkfähigkeit
  • Nach körperlicher Anstrengung mehrere Stunden andauerndes Unwohlsein

Bei den Betroffenen sollen mindestens 6 der Symptome innerhalb einer 2-Wochen-Periode im letzten Monat täglich bestehen. Mindestens eines dieser Symptome ist die deutliche Müdigkeit.

2. Welche medizinischen Ursachen vermutet die Forschung bei der Fatigue nach Krebs?

Man geht bei der Verursachung der Tumor-Fatigue von einer multikausalen Entstehung aus. Als mögliche Ursachenfaktoren gelten u. a. die Krebserkrankung, die Krebsbehandlung und die Behandlungsfolgen, Hormonungleichgewichte, Mangelernährung, Anämie, Infektionen, Schmerzen, Schlafprobleme und psychische Belastungen.

Bei den zugrundeliegenden Mechanismen gibt es immer noch sehr viel Unklarheit. Hier werden u. a. diskutiert und erforscht: Störungen des Immunsystems, des Hormonhaushaltes, des Nervensystems und des Schlaf-Wach-Rhythmus. Man geht mittlerweile davon aus, dass es verschiedene Subgruppen der Fatiguepatient*innen gibt, bei denen sich die Ursachen, Symptome und Behandlungsoptionen unterscheiden.

3. Wie unterscheidet sich die Fatigue nach Krebs von einer Depression?

Vereinfacht könnte man sagen: Menschen mit einer Depression, fällt es schwer, sich zu motivieren. Ihnen fehlt oft der Antrieb. Menschen mit einer Fatigue nach Krebs sind sehr motiviert, sie haben aber körperlich so wenig Kraft, dass sie nur wenig machen können.

Anhand des 2-Fragen-Test können Fatiguebetroffene selbst sehen, ob sie an einer Depression erkrankt sind oder nicht:
1. „Fühlten Sie sich im letzten Monat häufig niedergeschlagen, traurig, bedrückt oder hoffnungslos?“
2. „Hatten Sie im letzten Monat deutlich weniger Lust und Freude an Dingen, die Sie sonst gerne tun?“

Wenn beide Fragen mit Ja beantwortet werden, liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Depression vor. Dies sollte dann von einem Facharzt oder Psychologen weiter abgeklärt werden.

4. Welche medikamentösen Therapien werden derzeit erforscht?

In den letzten Jahren wurden weitere Therapiestudien mit Methylphenidat, Ginseng und Guarana durchgeführt. Eine Wirksamkeit des Methyphenidats bei Tumor-Fatigue konnte mehrfach nachgewiesen werden. Aufgrund der Nebenwirkungen dieses Medikamentes wird es aber zur Behandlung der Tumor-Fatigue erst empfohlen, wenn andere Behandlungsoptionen (Sport/Bewegung und psychosoziale Interventionen) ausgeschöpft wurden. Da es nicht zur Behandlung der Fatigue zugelassen ist, muss es der Patient selber bezahlen.

Ob aktuell andere medikamentöse Therapien erforscht werden, ist mir nicht bekannt. Interessant ist aber, dass in den letzten Jahren verschiedene englischsprachige Veröffentlichungen zur Wirkung der „Lichttherapie“ bei Tumor-Fatigue erschienen sind.

Aktuell werden auch verschiedene neue Therapien zur Behandlung der Depression und des Chronischen Fatigue Syndroms (CFS) erforscht. Ob sich darüber auch zukünftig neue Therapieoptionen für die Tumor-Fatigue ergeben werden, lässt sich nicht sagen.

5. Welche Angebote hat die Berliner Krebsgesellschaft für Fatigue Patient*innen entwickelt?

Die Berliner Krebsgesellschaft bietet zweimal im Jahr einen Psychoedukations-Kurs für Tumor-Fatigue Patient*innen „Fatigue individuell bewältigen“ an. Der nächste Kurs startet wieder am 5. November. Zudem hält Dr. Anne Letsch am 12.12.18 einen Vortrag zu den „Neuen Therapieansäzten in der tumorassoziierten Fatigue“ und am 23.1.19  spricht Dr. Freerk Baumann zum Thema „Körperliche Bewegung bei Krebs“.

Einmal im Monat trifft sich die Selbsthilfegruppe für Fatiguebetroffene in unserem Gruppenraum. Die Kurse „Guolin Qigong“ und „Yoga“ können auch als Mind-Body-Therapien für Fatigue-Patient*innen sehr hilfreich sein. Auch können Fatiguebetroffene zu Psychoonkologischen Einzelberatungen kommen und wir helfen weiter bei der Suche nach geeigneten Rehasport- und Physiotherapieangeboten in Berlin.

Am 26. September 2018 hält Oliver Özöncel außerdem einen Vortrag zur Fatigue in unserer Selbsthilfe und berät im anschließenden Gespräch. Bitte meldet Euch bei Interesse hier an.

Ein Gedanke zu „Fatigue nach Krebs – Interview mit Oliver Özöncel

  1. Ronald

    Interessanter Beitrag. Vielleicht irre ich mich, doch ich meine mich mit einigen Symptomen der Fatigue ‚herumschlagen‘ zu müssen. Das Thema der Erschöpfung, Konzentrationsmangel bis hin zum Gefühl der Dauermüdigkeit habe ich zwar bei meinen Ärzten angesprochen, die Reaktion ist Schulterzucken oder ‚damit muss ich leben‘. Letztendlich fühle ich mich in dem Punkt ziemlich allein gelassen, was hoffentlich keine Depression bedeutet … 😉

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