Meditieren mit Fatigue – MBSR half mir

Die Rettung als gar nichts mehr ging

Nach 13 Monaten Chemotherapie, um die Leukämie zu bekämpfen, war der Spuk endlich vorbei. Ich wurde aus dem Krankenhaus entlassen, ging wieder arbeiten und wollte mein voriges Leben wieder aufnehmen. Die Engel-Meditation ließ ich links liegen. „Das brauch ich nicht mehr“, dachte ich, „Ich bin ja jetzt gesund.“

Zwei Jahre später verschlechterte sich mein Gesundheitszustand erneut. Die Symptome glichen der beginnenden Leukämie oder einer Grippe: Abgeschlagenheit, Schwindel, Kraftlosigkeit, Nebel im Kopf. Ich war ständig krank und kam einfach nicht mehr auf die Beine. Es war aber nicht etwa der wiedergekehrte Krebs, der mich plagte, sondern eine massive Fatigue (Erschöpfungssyndrom) nach Krebs, die dazu führte, dass ich mich mit 35 Jahren frühberenten lassen musste.

Umgehen konnte ich mit der neuen Situation noch nicht. Als ich nach England zu meinem dreijährigen Patenkind reiste und innerhalb einer halben Stunde so erschöpft war, dass ich nicht weiter mit ihm spielen konnte, lag ich völlig kraftlos im Gästebett und verstand meinen Körper nicht mehr. Der Krebs war weg, jetzt müsste doch alles wieder gut sein. Warum es nicht so war, konnte mir niemand wirklich erklären. Ich war verzweifelt und fühlte mich allein gelassen.

Im Bücherregal der Eltern meines Patenkindes entdeckte ich mehrere CDs mit MBSR (Mindful Based Stress Reduction auf Deutsch: Praxis der Achtsamkeit)-Meditationen und kleinen Büchlein dazu. Ich biss sofort an, las die Texte, hörte die CDs und fing wieder an, zu meditieren – dieses Mal weniger esoterisch mit Engeln, sondern wissenschaftlich erforscht und gelehrt, unter anderem von dem MBSR-Gründer Jon Kabat Zinn.

Eine neue Welt eröffnete sich mir: der „Bodyscan“, „Gedanken und Gefühle“, die „Seemeditation“, die „Bergmeditation“. All diese geleiteten Meditationen halfen mir, meinen Körper und seine Erschöpfung, besser zu akzeptieren, die Fatigue in mein Leben zu integrieren. Besonders der „Bodyscan“ beeindruckte mich sehr. Als Folge der Chemotherapie hatte ich eine Polyneuropathie in meinen Beinen entwickelt. Bis zu den Knien konnte ich sie kaum spüren. Wenn ich meine nackten Beine berührte, fühlten sie sich so an, als hätte ich eine dicke Woll-Strumpfhose an. Mit dem Bodyscan konnte ich meine Zehen plötzlich wieder spüren – zumindest in Gedanken. Das war für mich ein ganz neues Köpergefühl. Eine Wiederentdeckung.

Seit meinem etwas unglücklichen Besuch bei meinem Patenkind in England meditiere ich jeden Tag mehrmals. Die Meditation schenkt mir mehr körperliche, vor allem aber kognitive Kraft. Ich fühle mich klarer im Kopf. Immer wenn ich merke, dass mein Energielevel sinkt, lege ich mich ins Bett und meditiere. Ich bin sehr dankbar für dieses Ritual, das für mich mittlerweile so selbstverständlich ist, wie zu essen oder zu trinken.

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